Museumsvielfalt in Bad Wildungen
Foto: Städtische Museen, Luftfahrt in 1912

Quellenmuseum:

Luftfahrt in 1912

Eine kleine Sensation wurde Einheimischen und Gästen im Jahre 1912 in Bad Wildungen geboten: Ein Kurgast stellte seinen Heißluft-Ballon für eine Luftfahrt über die Badestadt zur Verfügung.

Nun waren Luftschiffe kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges keineswegs mehr vollkommen neu; dennoch bedeutete der Aufstieg eines Ballons in einer eigentlich doch provinziellen Stadt wie Bad Wildungen schon noch eine ungeheure Attraktion. Entsprechend groß war der Andrang von Schaulustigen, die dieses Spektakel auf dem Platz vor dem Parkhotel (später Klinik Parkhöhe) miterleben wollten.

Der „bekannte Amateur-Luftschiffer“ Dr. Landmann aus Frankfurt am Main war der wagemutige Mann, der an einem Donnerstag um „12 ¼ Uhr“ seinen Ballon in den wolkenfreien Himmel über Bad Wildungen aufsteigen ließ. Mitfahren durften Personen, die sich vorher bei der Kurverwaltung angemeldet hatten.

Das ganze Unternehmen diente einem guten Zweck. Die 50 Pfennig Eintrittsgeld, die von den Schaulustigen auf dem „Abfahrtsplatz“ erhoben wurden, wurden gemeinnützig verwandt; sie kamen der „Dr. Marc-Stiftung für unbemittelte Kurgäste“ zugute.

Die Ballonfahrt unterstützte also eine caritative Einrichtung, bescherte den Mitfahrern ein unvergessliches (Höhen-)Erlebnis und brachte nebenbei große Publizität für die Stadt Bad Wildungen – eine gelungene Werbemaßnahme.

Übrigens: Wer heute in die Lüfte über Bad Wildungen steigen will, erkundige sich doch auf dem Segelflugplatz „Auf der Schaufel“. Hier sind Rundflüge mit Segelflugzeugen und Motorseglern möglich.

Foto: Städtische Museen
"Das Schröpfen im Bade"

Quellenmuseum:

Das Schröpfen im Bade

Seit vielen Jahren breitet sich durch den zunehmenden Einfluss ostasiatischer Methoden in der Medizin eine Heilmethode wieder etwas mehr aus, die in unserem Verständnis eigentlich mit mittelalterlichen Anschauungen verbunden ist.

Früher war das Schröpfen oft mit dem Gang ins Bad verbunden. Es wurde nicht etwa nur bei Krankheiten vorgenommen, sondern auch, sozusagen prophylaktisch, um den Körper bei Gesundheit zu erhalten. Das Schröpfen war Sache des Baders, der ja früher einige eigentlich ärztliche Aufgaben wahrnahm. Es wurde ihm niemals streitig gemacht. Auch die Frauen hatten sich vom Bader schröpfen zu lassen. In alten Darstellungen von Frauenbädern sehen wir als einzige männliche Person den Schröpfer.

Unter Schröpfen versteht man eine örtliche Blutentziehung im menschlichen Körper. Die Haut wurde mit einem Schröpfeisen leicht angeritzt, und auf diese Stelle wurde ein kleines, tropfenförmiges Gefäß aus Glas gesetzt, der Schröpfkopf. Dieser war zuvor ein wenig erhitzt worden. So entsteht ein luftverdünnter Raum; der Schröpfkopf saugt sich an, und das Blut tritt mittels Unterdruck tropfenweise und nicht so belastend für den Körper aus der kleinen Wunde aus.

Dem Schröpfen lag die Vorstellung zugrunde, dass es neben dem reinen Blut im Körper auch unreines „grobes Gepliet“ gebe. Im Bade würde dieses dünnflüssiger und könne abgesaugt werden. Der Körper ersetze dann das verlorene Blut durch neues, reines. So hatte man durch das Schröpfen die inneren Säfte des Körpers gereinigt, wie gleichzeitig durch das Baden die äußere Hülle; man kam also vollkommen regeneriert zurück.

Die Verschlechterung des Blutes muss etwas mit dem Lebenswandel zu tun haben, denn Kinder waren vom Schröpfen ausgenommen. „Die Kinder treiben kein Mutwillen mit Überfressung und Übersaufen, noch mit anderer Unzucht, so ist nit billig, daß sie ihr unschuldiges Blut vergießen sollen“ (1610).

Die Wildunger Brunnenärzte des 17. und 18. Jahrhunderts rieten ihren Patienten dringend zum Schröpfen und Aderlassen als Vorbereitung zur Trinkkur. Uns mag dies ein wenig mittelalterlich anmuten, dabei nimmt doch gerade im Sport die Aufmerksamkeit für die Zusammensetzung des Blutes zu: Hochleistungssportler nehmen verbotenerweise Blutdoping vor – vielleicht sollten sie es doch einmal mit Schröpfen versuchen.

Postkarte: Städtische Museen
"Kartengruß aus der Badestadt"

Quellenmuseum:

Kartengruß aus der Badestadt

Wer in die Fremde fährt, soll die Daheimgebliebenen nicht ganz vergessen. Viele Berichte aus der Fremde werden heute telefonisch erledigt. Da Briefeschreiben immer mehr aus der Mode kommt, bleibt für den schriftlichen Gruß noch die Ansichtskarte.
Für viele ist es ein Gräuel, den knappen Raum auf der Rückseite der Karte mit den Standardinformationen „schönes Wetter“, „gutes Essen“, „ganz zufrieden“ zu füllen. Da ist man ganz froh, wenn die Vorderseite der Karte einen Anknüpfungspunkt bietet.
Im prüden wilhelminischen Zeitalter druckte und verkaufte man in Bad Wildungen Ansichtskarten, die heute noch manchem Zartbeseiteten die Schamröte ins Gesicht treiben.
Man zeigte bei Männern und bei Frauen die überwältigende Wirkung der Wildunger Wässer (auf die harnleitenden Organe), und schreckte dabei keineswegs vor gewagten Stellungen und Ansichten zurück. Sicherlich kann man die Freude über die heilende Wirkung von Georg-Viktor-Quelle oder Helenenquelle verstehen, aber muss man deshalb gleich Bilder von Sturzbächen menschlicher Ausflüsse quer durch’s Reich verschicken?

Noch heute beliebt.

Es scheint fast so, denn die Begeisterung für diese pikanten Darstellungen scheint sogar heute ungebrochen. Nachdrucke der Karten findet man heute im Quellenmuseum, und sie erfreuen sich auch in unserer Zeit großer Beliebtheit.
Selbstironisch werden andere Aspekte der Kur auf anderen Karten dargestellt. Da kommt der hoffnungsvolle Kurgast frohgemut nach Bad Wildungen und verlässt als armer und ausgenommener Mann den Ort wieder.
Andere leben angesichts des „Kurschatten“-Phänomens regelrecht auf, zeigen hier ein weltmännisches Gehabe, das ihnen im Alltag vollkommen abgeht.

Reichlich Material

Natürlich findet sich neben diesen Scherzpostkarten immer eine größere Anzahl von ganz „normalen“ Ansichtskarten, Karten, die eben (fast) alle möglichen Ansichten von Bad Wildungen zeigen. Die alte Wandelhalle, das „alte Neue Kurhaus“ oder etwa das „Parkhotel“ (später Klinik Parkhöhe) – wer sich für die Vergangenheit des Kurortes interessiert, findet reichlich Material in der Ansichtskartenabteilung des Quellenmuseums.

Riesenblasenstein als Briefbeschwerer

Quellenmuseum:

Riesenblasenstein als Briefbeschwerer

Das Wildunger Wasser kann, wenn es von einem Badearzt richtig dosiert verordnet wird, die Bildung von Harnsteinen im menschlichen Körper hemmen oder ganz verhindern. Dies ist seit dem Mittelalter bekannt. Schon damals besaß die Stadt weithin den Ruf, dass „kein in ihr geporener mit dem Blasenstein befallen“ wäre.

Harnsteine entstehen durch die Zusammenlagerung von Harnkristallen. Je konzentrierter der Harn ist, umso eher besteht die Gefahr der Steinbildung; in verdünntem Harn dagegen bilden sich nur selten Ablagerungen. Eine Verdünnung des Harns und eine Steigerung der Harnausscheidung ist auf unkomplizierte Art durch das Trinken des Wassers zu erzielen.

Die Badeärzte in Bad Wildungen wussten natürlich um diese Eigenschaften von „Georg Viktor“ und „Helene“ und verordneten diese Wässer den Kurgästen mit genauen Angaben über Trinkzeiten und Mengen.

Aber die Ärzte waren natürlich Experten auf dem gesamten Bereich der Urologie, also auch auf dem Gebiet der operativen Entfernung von Blasensteinen. Es gibt Steine von einer Größe, die einen bei dem bloßen Anblick erschaudern lassen. Auch dem Laien wird klar, dass hier weder Wasser noch die Zange (zum Zertrümmern des Steines) Abhilfe schaffen konnten.

Ein solcher Fall wird aus dem Jahre 1930 berichtet, als ein 25jähriger Bahnbeamte sich mit starken Schmerzen bei Dr. Hans Krüger zur Behandlung meldete. Der junge Mann verspürte „Druck im Kreuze“ und registrierte „vermehrtes Wasserlassen“. Darüber hinaus litt er ständig unter quälendem Durst.

Nach dem Röntgen stellte der erfahrene Arzt die Diagnose: „Riesenblasenstein“. Fast acht Zentimeter lang war der Stein, der sofort operativ entfernt werden musste. Dies geschah im Krankenhaus von Bad Wildungen unter der Leitung von Dr. Schultheis. Nach anfänglicher schneller Besserung verfiel der Patient nach einer Woche zusehends und kam „am 16. Tag p. o. ad exitum“, was ganz lapidar heißt, er starb nach der Operation.

Angesichts der Dimension des Steines, der noch nicht einmal der größte ist, der im Quellenmuseum ausgestellt wird, überrascht das Schicksal des Patienten zumindest den Laien nicht.

Wenn man – als Arzt – täglich mit Steinleiden zu tun hat, wird man anscheinend ganz schön abgebrüht. Jedenfalls wurde das Stein-Monstrum, das ja ein besonderes Exemplar darstellte, anschließend aufgeschnitten, geschliffen in eine Fassung gebracht und – wir verraten nicht, welcher der behandelnden Ärzte dies veranlasste – forthin als Briefbeschwerer benutzt.

In dieser Form ist er heute im Quellenmuseum zu besichtigen.

 

 

Foto: Städtische Museen,
Ausflugsfahrten als Therapie, 1930

Quellenmuseum:

Ausflugsfahrten als Therapie

In Bad Wildungen waren Ärzte, die für die Entwicklung der Badestadt von Bedeutung gewesen sind, logischerweise vor allen Dingen auf dem Gebiet der Urologie oder der Chirurgie tätig.
Da aber gerade die Kurmedizin eigentlich schon immer nicht nur die Krankheit, nicht nur den „Fall“ behandeln wollte, sondern stets den Menschen in den Vordergrund rückte, verwundert es nicht, dass etliche Ärzte nicht nur medizinische Studien betrieben, sondern auch das gesamte Umfeld von möglichen Einflüssen erforschten.
Die „Erkundung der Umgebung“ ist im Falle des Sanitätsrates Dr. Ludwig Severin durchaus wörtlich zu nehmen. Severin schrieb nämlich einen in mindestens sechs Auflagen und mehreren Sprachen gedruckten „Führer in die Umgebung von Bad Wildungen“.

Schlafen und Skatspiel

Die Erholung in der Kur ist ja tatsächlich weitgehend auch von einer akuten Gestaltung des Tagesablaufes abhängig, und entsprechend rügt Severin die Gäste, „die ihre Zeit schlafend und skatspielend hinbringen und am Ende ihrer vierwöchigen Kur sich rühmen können, von der Umgebung Wildungens bloß die Anlagen der Viktorquelle gesehen zu haben“.
Severin wurde 1843 in Bad Pyrmont geboren, studierte in Marburg und Göttingen und war vor seiner Niederlassung in Wildungen unter anderem als Schiffsarzt tätig. Er starb im Jahre 1906.
Severin sah klar den Zusammenhang zwischen den Belastungen durch „unsere dem ruhigen Lebensgenusse so feindliche Zeit, deren Hauptinteresse der Erwerb und die Kapitalbildung ist“ und den „Nervenleiden“ der Menschen, den Zuständen von „Schwäche und Reizbarkeit“.
Ganz im Sinne einer modernen naturorientierten Sichtweise, die den unbedachten Einsatz starker Medikamente scheut, lautet die Therapie Severins: Bewegung, Sauerstoff, körperliche Belastung, Bäder und Trinken des Heilwassers.

Ganzheitliche Sicht

Die ganzheitliche Sichtweise des Menschen, die hier natürlich nur ganz grob gezeigt wurde, war vielen Badeärzten eigen. Dies wiederum führte dazu – Severin sollte hier das Beispiel sein -, dass bis auf den heutigen Tag gerade immer wieder Ärzte sich in Bad Wildungen um die Beschreibungen der Quellen, der Umgebung, der Geschichte der Stadt und sogar um die Werbung nach außen verdient gemacht haben.

Altes Theaterplakat

Quellenmuseum:

„Der scharfe Junker“ im Kurhaus

Zur Unterhaltung der Brunnengäste wurde im 1890 erbauten Kurhaus ein Kurtheater eingerichtet. Nun konnten Ensembles von außerhalb engagiert werden, eigenes Schauspielerpersonal gab es nicht. Ein bis zweimal wöchentlich fanden Theateraufführungen statt; geboten wurde den Gästen dabei eher leichte Kost: „Flachsmann als Erzieher“ oder „Der scharfe Junker“ hießen die Stücke, die die Besucher unterhalten sollten.

Der Kurbetrieb fand bis in die 1920er Jahre nur in den drei warmen Sommermonaten statt, was den Vorteil bot, Theaterpersonal von Stadt- und Residenztheatern während deren Spielpause engagieren zu können. So war es möglich, den aufstrebenden Darsteller Emil Jannings als Theaterdirektor nach Bad Wildungen zu holen.

1929 kam mit dem Grenzlandtheater Flensburg Walter Finder (1907 – 1976) erstmals nach Bad Wildungen, der in verschiedenen Funktionen das Theatergeschehen maßgeblich gestaltete. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kurhaus anfangs zu militärischen Zwecken genutzt. Ab 1940 bestritt dann das Preußische Staatstheater Kassel alle Veranstaltungen.

Unter der Bezeichnung „Thespis-Karren“ fand sich nach 1945 eine Schauspielgruppe zusammen, die bis 1948 das Theatergeschehen gestaltete. Dann begann die Volkshochschule einen Besucherring aufzubauen, der ab 1954 in Kooperation mit dem Hessischen Staatsbad betrieben wurde. Die weitaus meisten Aufführungen gestaltete das Marburger Schauspiel; Spielort war nun die erweiterte Wandelhalle.

Mit dem Umzug ins Kurhaus (1987) konnten die Besucherzahlen gesteigert werden. Große Erfolge feiert ab 1998 das sogenannte „Startheater“, eine Konzeption, die auf Tourneetheater und das Mitwirken von bekannten Schauspielern setzt.

Emil Jannings im Kurpark

Quellenmuseum:

Oscarpreisträger am Bad Wildunger Kurtheater

Der bis heute einzige deutsche Schauspieler, der einen Oscar für seine darstellerische Leistung erhalten hat, war einige Jahre lang Leiter des Kurtheaters in Bad Wildungen. Die Rede ist von Emil Jannings, und seine Tätigkeit als Intendant in der Kurstadt liegt schon einige Jahre zurück.

Eigentlich am Hoftheater in Darmstadt angestellt, nutzte Jannings von 1911-1915 die Gelegenheit, seine kargen Schauspielgagen durch eine sommerliche Saisontätigkeit als Leiter des Wildunger Theaterensembles aufzubessern, ohne jedoch durch bedeutende Aufführungen von sich reden zu machen. Zeitgenossen haben berichtet, dass sich Jannings stets in Geldnöten befand; ein Wechsel mit seiner Unterschrift wird im Quellenmuseum präsentiert.

1915 ging er nach Berlin, wo er an verschiedenen Bühnen spielte und sich später unter der Regie von Max Reinhardt als Charakterdarsteller am Deutschen Theater etablieren konnte.

Mehr noch als durch seine Theatertätigkeit ist Jannings als Filmschauspieler bekannt geworden. Als erster Schauspieler überhaupt gewann er 1929 den Oscar in der Kategorie „bester Hauptdarsteller“. Zurück in Deutschland spielt er in seinem heute wohl bekanntesten Film, Der Blaue Engel (1930), an der Seite von Marlene Dietrich den pedantischen Gymnasialprofessor Immanuel Rath.

Nach 1933 ließ sich Jannings auf das Mitwirken in Propagandafilmen des NS-Regimes ein. Deswegen belegten ihn die Alliierten 1945 mit einem lebenslangen Bühnenverbot; sein letzter Film blieb unvollendet.

Zurückgezogen starb Emil Jannings 1950 in Österreich.

Oberes Gasthaus

Quellenmuseum:

Ein Hilferuf aus Wildungen

„Meine Geliebte, aus einer förmlichen Wüste rufe ich zu Dir“.

Schlimm muss es dem polnischen Grafen Zygmunt von Krasinski ergangen sein, als er im Jahre 1841 in Nieder-Wildungen gastierte. Das kleine Städtchen war noch weit davon entfernt, ein Bad von internationalem Ruf zu sein.

„Wildungen“, so fährt er fort, „ein Städtchen aus wenigen Häusern bestehend von einer ewigen Straße durchschnitten, die sich lang hinzieht, wie mit Nägeln gepflastert, voll Kot, Schmutz, Stroh und Kehrichthaufen“.

Weshalb sich der Adlige aus Polen in die waldeckische Provinz verirrte, ist nicht bekannt; wahrscheinlich war er aber dem schon lange bekannten guten Ruf der Wildunger Wässer gefolgt.

Nur: es gab noch kaum Einrichtungen an den Quellen, so dass die wenigen Gäste meist in Gasthöfen in der heutigen Altstadt übernachten mussten. Graf Zygmunt dagegen hatte sich im Oberen Gasthaus einquartiert, einem Vorgänger des späteren Europäischen Hofes.

Aber auch hier konnte der Gast, der wohl Besseres gewohnt war, nicht zufrieden gestellt werden. In seinem Brief bescheinigt er dem Gasthaus ein elendes Aussehen und berichtet von einer Nacht „inmitten einer Million von Flöhen“.

Einweihung des Bahnhofs, 1884

Quellenmuseum:

Die Reise ins Bad

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde die Reise ins Bad mit Hilfe von Postkutschen oder privaten Reise-Chaisen durchgeführt, auf den schlecht ausgebauten Straßen eine Tortur, die bei Nierenkranken sicher schon vor der Ankunft im Bad die Steine gelockert haben dürften.Schwer mit Eisen beschlagenen Reisekästen, die außen auf den Kutschen befestigt wurden, sind ein Hinweis darauf, dass die Fahrt nicht immer gefahrlos war.

Von Graf Philipp II. von Waldeck, der 1515 in Wildungen zur Kur weilte, wird berichtet, dass er auf der Rückreise durch Götz von Berlichingen gefangen genommen wurde. Erst nach 20 Wochen Haft und Entrichtung eines Lösegeldes von 10.900 Gulden erhielt er seine Freiheit zurück.

Das Reisen durch die große Zahl von Kontrollen erschwert. An den Stadttoren mussten zumindest die Pässe gezeigt werden, an den zahlreichen Grenzstationen zwischen den Grafschaften, Fürstentümern, Großherzogtümern usw. gab es Gepäckkontrollen, mussten Zölle und Passiergebühren entrichtet werden.

Erst 1884 erhielt der aufstrebende Kurort einen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Jetzt konnten die Gäste mit dem modernsten Reisemittel der Zeit schnell, bequem und gefahrlos anreisen.

Mitte des 20.Jahrhunderts nahm dann die Anreise im privaten Pkw zu, ohne allerdings den Zug ganz zu verdrängen. Die Verbindung nach Kassel wurde in den letzten Jahren sogar wieder verbessert, alle zwei Stunden fährt nun ein Zug über den Bahnhof Wilhelmshöhe bis zum Hauptbahnhof Kassel.

 

Nachgestellte Schumacherwerkstatt

Stadtmuseum:

Um geneigten Zuspruch bittet Schumachermeister Carl Klapp

Mit einer sehr zielgerichteten Werbung wendet sich Carl Klapp, Schumachermeister in der Altstadt und später im Arbeiter- und Soldatenrat tätig, im Jahre 1913 an neue Kunden.

Er überschreibt ein Plakat mit dem Titel „Die Kur in Bad Wildungen“ und versetzt sich dann in die „Nöte“ der Kurgäste.

„Den ganzen Tag kommt man nicht zur Ruhe, von morgens 6 bis abends 10 Uhr habe ich vollauf zu tun, hören wir hundertfach erzählen. Wasser trinken und laufen, Essen, Briefe schreiben, Baden, zum Doktor gehen, wieder Trinken, spazieren gehen und Essen. So geht es Tag für Tag 3 – 4 Wochen lang all denen, welche gestärkt an Leib und Seele Wildungen verlassen wollen.

Ein Freund der Natur wird nie über Langeweile zu klagen haben, kann man doch jeden Tag eine andere Tour in die schöne Umgebung mit immer neuen Reizen machen. Nur die Fußbekleidung, dass diese auch allen Anforderungen, welche an sie gestellt wird, gewachsen ist, verlangt die größte Beachtung und straft die Sorglosigkiet.

Das älteste Schuhwarengeschäft mit großstädtischer Auswahl erster Fabrikate ist das von Carl Klapp, Brunnenstraße 42, wo auch Anfertigung nach Maß und Reparaturen sorgfältigst ausgeführt werden. Als Spezialität wird nach ärztlicher Vorschrift für kranke Füße nach Gipsabgüssen gearbeitet, wogegen kurze Beine, Spitzfüße u.s.w. durch Kork-Einarbeitung verlängert respektive erhöht werden. Um geneigten Zuspruch bittet Carl Klapp.

P.S. Spezielle Wünsche bitte schriftlich, oder was richtiger ist, persönlich abzugeben.“

Die letzten Wildunger Nachtwächter

Stadtmuseum:

“Hört, ihr Leut´, und lasst euch sagen“

Nachtwächter gab es sicherlich, seitdem im Mittelalter immer mehr Städte gegründet wurden und die Stadtwesen dann auch größer wurden.

Die Aufgabe des Nachtwächters bestand vor allem darin, abends und nachts durch die Straßen und Gassen einer Stadt zu gehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Außerdem warnte er die Bürger vor Dieben und Feinden und achtete besonders auf mögliche Brandgefahren. Wichtig war es vor allem in kriegerischen Zeiten, sorgsam darauf zu achten, dass die Stadttore verschlossen waren.

Eine besondere Dienstleistung bestand darin, die Stunden anzusagen: „Hört, ihr Leut´ und lasst euch sagen, unsere Glock hat Zehn geschlagen“. Zur typischen Ausrüstung eines Nachtwächters gehörten eine Hellbarde, eine Laterne und ein Horn, um Signale zu geben.

Anfangs wurde der „Nachtdienst“ in Nieder-Wildungen wahrscheinlich von vielen Bürgern im Wechsel versehen. Mit dem Wachsen der Stadt aber leistete man sich dann hauptamtliche Nachtwächter, die allerdings eher kärglich bezahlt wurden. Um 1900 gab es 6 Nachtwächter, die im Rathaus über eine eigene Stube verfügten.

Mit dem Ausbau der Straßenbeleuchtungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwanden nach und nach die Nachtwächter.

Kurkapelle in der Musikmuschel an der Königsquelle

Quellenmuseum:

Die Kurmusik spielt auf

Dass Musik der Entspannung von Körper und Geist zuträglich ist und auch die Heilung fördern kann, wussten schon die Römer, die in ihren Thermen Lauten erklingen ließen.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts etablierte sich in den klassischen Kurorten die Kurmusik als eigene Gattung: es wurden Konzerte gegeben, leicht, beschwingt, unterhaltend - aber mit Stil. In der hohen Zeit der Kurmusik um 1900 werden ganze Orchester unterhalten.

In Wildungen werden erstmals 1726 Musikanten erwähnt, die während der Brunnenkur aufspielen. Ab 1835 spielten für drei Jahrzehnte acht Prager Musiker während der Sommermonate. Erst mit der Gründung der Wildunger Brunnen A. G. wird dann ein eigenes Kurorchester aufgebaut.

Der Hofrat und Fürstliche Kapellmeister Ferdinand Meier führte dies in den Jahren 1903 bis 1914 zu seiner Blüte. Neben viel beachteten Künstlerkonzerten gab es Tanzabende und die beliebten Wunschkonzerte.

Von 1922 bis 1939 wurde in der Saison das Albert-Orchester aus Bremerhaven unter der Leitung von Otto Albert engagiert. Selbst während der Kriegsjahre gab es Kurmusik, wenn man sich auch zeitweise mit Musikschülern aus Eschwege behelfen musste.

Ab 1951 formte der Musikdirektor Rudolf Schönberger aus 30 Musikern dann wieder einen Klangkörper mit einem sehr guten Ruf. Bis 1982 konnte sich das Staatsbad ein eigenes Orchester leisten. Dann ging man dazu über, Engagementverträge mit osteuropäischen Orchesterleitern (u.a. Jan Gubernat, Russi Radev) zu schließen.

Rathaus mit Weinhaus um 1830

Stadtmuseum:

50.000 Liter: Der bedenkliche Weinkonsum des Magistrats

In Altwildungen gibt es die Orts und Straßenbezeichnung „Weinberg“, ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier früher Wein angebaut wurde. Wahrscheinlich handelte es sich nicht um einen richtig guten Tropfen, der hier im eher kühlen Nordhessen reifte. Auch an den Hängen des Urenbachtales und des Bornebachtales wuchsen im Mittelalter Reben.

Der Weinkonsum erreichte ab dem Hochmittelalter auch wegen einer relativ langen klimatischen Warmphase in ganz Europa einen gewissen Höhepunkt. Weingärten und Weinhänge wurden auch in eigentlich ungünstigeren Gebieten angelegt; die Erträge standen nicht nur mehr der wohlhabende Schicht zur Verfügung. Allerdings mussten sich ärmere Zeitgenossen dennoch häufiger mit dem so genannten „Nachwein“, der zweiten oder dritten Pressung zufrieden geben. Auch wurde der Wein oft mit Wasser oder Essig gestreckt.

Den Wildungern reichte aber der selbst erzeugte Wein nicht. Große Mengen wurden zusätzlich eingeführt, so alleine im Jahre 1567 rund 50.000 Liter. Ein nicht geringer Anteil des Konsums entfiel auf die Ratsherren selbst, die das Weingeschäft kraft ihres Amtes kontrollierten. Das alte Rathaus, das im Jahre 1850 abgerissen wurde, im Stadtmuseum aber in Bildern noch zu sehen ist, verfügte folgerichtig über einen großen Weinkeller, und dem Verwaltungsgebäude angegliedert war ein Weinhaus. Bei etlichen amtlichen Anlässen gab es städtische Weinspenden.

Diese Zeiten sind vorbei; glaubhaft wird versichert, dass bei Magistratssitzungen heute nur Kaffee, Wasser und Säfte auf dem Tisch stehen.

Waldecker Tageszeitung, 1920, Wildunger Zeitung / Anzeige

Die Geschichte der Waldecker Tageszeitungen:

„Einladung zum Abonnement“

„Wie unsere Zeitung keiner politisch-extremen Partei dienen und bescheidenerweise keine Politik machen, sondern nur einfach berichten will, was den Bürger und Landmann angeht und interessiert, so wird sie das Ziel im Auge behalten, nur der Wahrheit und Sittlichkeit zu dienen, deutsche Treue und Ehrenhaftigkeit zu wecken und zu beleben und von ihrer Tätigkeit allen verletzenden und widerlichen Zank und Streit und alle verläumderischen Angriffe auf Personen ausschließen. Und so sei denn dies neue Unternehmen der freundlichsten Unterstützung und Förderung hiermit auf das Wärmste empfohlen“.

Am 25. November 1876 warb der Wildunger Buchdrucker J. Neubelt in einer Probenummer mit diesen Worten für seine „Eder-Zeitung“, die dann ab dem 3. Januar 1877 zweimal in der Woche erschien. In der Kurstadt war dies die erste Tageszeitung. Ab 1879 wurde sie in „Waldecksche Zeitung“ umbenannt und im Jahr darauf von Paul Pusch übernommen. Sein Sohn Felix Pusch führte das Blatt bis 1936 weiter, dann wurde die Zeitung von der Waldeckischen Landeszeitung (WLZ) übernommen.

Schon 1920 war das Konkurrenzblatt, die „Wildunger Zeitung“, die ab 1890 von Konradt Hund und ab 1906 von Ernst Funk herausgegeben wurde, ebenfalls in dem Korbacher Verlag aufgegangen. Auch in Arolsen gab es bis 1928 eine eigene Tageszeitung: die „Waldecksche Rundschau“, dann ging sie ebenfalls in den Besitz des Korbacher Verlegers Wilhelm Bing über.

Heute existiert im Waldecker Land als regionales Blatt nur noch die Waldeckische Landeszeitung. Insbesondere in den 1920er Jahren gab es dagegen eine erstaunlich große Zahl von Neugründungen auf dem Zeitungsmarkt. So versuchte Felix Pusch mit der „Corbacher Post“ in Korbach und mit dem „Waldeckschen Anzeiger“ in Arolsen zu expandieren. Die SPD gab ab 1922 das „Waldecker Volkblatt“ heraus. Der Verleger Heinrich Eggebrecht war von 1924 bis 1927 für die Zeitung „Der Waldecker“ verantwortlich.

Kurios ist der kurze Versuch eines Otto Hirschel im Jahre 1911, aus Friedberg im Taunus die „Waldeckischen Nachrichten“ zu verbreiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte die Waldeckische Landeszeitung zunächst nicht erscheinen. Stattdessen wurde in Korbach von 1948 bis 1950 der „Waldecker Kurier“ gedruckt.

Die überaus abwechslungsreiche Geschichte der Waldecker Tageszeitungen wird in einer neuen Abteilung des Stadtmuseums Bad Wildungen dokumentiert. Man kann die Titelseiten aller genannten Zeitungen vergleichen und ebenso interessante wie lustige Annoncen aus den älteren Anzeigenteilen lesen.

Wenn aber erst einmal wieder Publikum das Museum beleben darf, soll es sich nicht nur mit historischen Meldungen auseinandersetzen, sondern mittels eines Tablets auch die tagesaktuellen Meldungen der WLZ lesen können. 

Brunnennymphe im Quellenmuseum
Bad Wildungen

Aus den Bad Wildunger Museen:

Der Kurschatten-Brunnen – der größte PR-Erfolg aller Zeiten für Bad Wildungen

Über lange Jahrzehnte war die Brunnennymphe das Wahrzeichen Bad Wildungens. Die Figur des kleinen zarten Mädchens, das kniend dem Betrachter in symbolischer Weise das wichtigste Gut der Kurstadt, das Heilwasser anbietet, fand sich auf offiziellen Briefköpfen und Poststempeln.

Dann kam eine ganz andere Dame und lief ihr den Rang ab: die „Kurschatten-Dame“. Die freistehende Figur, für die die Künstlerin Karin Bohrmann selbst Modell stand, ist eigentlich nur als ironischer Abschluss der Brunnenanlage, die eine Zeitreise durch die Kurgeschichte abbildet, gemeint. Aber sie erhitzte schon lange vor der Einweihung des Brunnens die Gemüter – landesweit.

Kunst im öffentlichen Raum ist ja stets umstritten. Die Gestaltung des Platzes am Beginn der Brunnenallee, deren Umgestaltung 1987 damit abgeschlossen werden sollte, führte aber schon lange im Vorfeld zu mehr als angeregten Diskussionen. Es wurde aus Styropor ein 1:1 Modell eines Säulenrondells aufgebaut, das vernichtende Kritik erfuhr - auch in der Waldeckischen Landeszeitung. Daraufhin fanden Erkundungsfahrten städtischer Politiker statt, die aber auch nicht zu überzeugenden Lösungen führten.

Schließlich setzte sich Bürgermeister Dr. Albrecht Lückhoff mit einem Vorschlag durch, der zunächst für überraschtes Staunen und dann für erhebliche Aufregung sorgte.

„Will Bad Wildungen das Bad der freien Liebe werden“, fragte entrüstet eine Pensionswirtin. „Dieser Kurschatten ist ein Angriff auf die Moral“, empörte sich eine Einwohnerin. Die Angelegenheit wurde zusätzlich aufgeheizt, durch einen überaus fehlerhaften Artikel der Bild-Zeitung. Unter der Überschrift „Der Nackte und der Kurschatten“ wurde über „eine Kleinstadt in Nordhessen“ berichtet, in der schon Karl der Große um 800 n. Chr. eine Oase der Ruhe vorgefunden haben soll.

„Bad Wildungen in Aufruhr?“ fragte damals die Waldeckische Landezeitung. Am Tag der Eröffnung strömten dann mehr als 10.000 Neugierige zur Enthüllung und Bürgermeister Dr. Lückhoff stellte fest, kein zurückliegendes Ereignis in Bad Wildungen habe auch nur annähernd eine so verbreitete Publizität erfahren wie die Gestaltung des Brunnenplatzes mit dem „Kurschatten-Denkmal“.

Die Geschichte der Brunnenallee sowie ihrer markanten Kunstwerke ist im Quellenmuseum in der Wandelhalle dokumentiert.

 

Wanderbuch des Johannes Schellenberg

Stadtmuseum:

„Auf der Walz“

Man sieht sie nur noch selten: Handwerksgesellen, in der Regel Zimmerleute, auf Wanderschaft. In früheren Zeiten gehörten die Wanderjahre für zünftige Gesellen nach Abschluss ihrer Lehrzeit zur weiteren Ausbildung.

Zu Beginn des 14. Jh. wurde das Gesellenwandern üblich. Die jungen Handwerker sollten in der Fremde ihre Techniken verbessern und ausweiten und sich persönlich bewähren. Die Wanderzeit betrug meist 3 bis 4 Jahre.

Im Stadtmuseum Bad Wildungen finden sich eine ganze Reihe von „Fürstlich Waldeckischen Wanderbüchern“. Sie vertraten „zugleich die Stelle der Reisepässe“ und sollten das Überschreiten der damals noch zahlreich vorhandene Grenzen ermöglichen. Vor allem aber wurden die erworbenen Arbeitszeugnisse und durch Siegel auch die Orte, an denen man tätig gewesen war festgehalten.

Weil es sich um ein wichtiges und personalisiertes Dokument handelte, wurde der jeweilige Geselle genau beschrieben. Der Schieferdecker Johannes Schellenberg ging am 14. März 1860 auf Wanderschaft. In seinem Wanderbuch ist sein Alter (24 Jahre) vermerkt; seine Statur wird als gesetzt beschrieben; weiterhin Haare blond, Stirn mittelhoch, Nase gerade, Zähne schlecht, Gesichtsform oval und Gesichtsfarbe gesund. Auf seiner Wanderschaft arbeitet er u.a. in Barmen, Elberfeld (damals noch getrennte Städte) und Remscheid. Andere Wandergesellen legten legten z.T. wesentlich weitere Strecken zurück.

Herbergen waren für die wandernden Gesellen wichtig, da sie meist zu den Gasthäusern keinen Zutritt hatten. Herbergen wurden so zu Treffpunkten für die Gesellen; aus den Herbergen heraus entwickelten sich Zusammenschlüsse der Gesellen, Gesellenvereine, die die Interessen der Gesellen gegenüber den Meistern zu wahren versuchten.

Die wandernden Gesellen entwickelten im Laufe der Zeit eine Wandersprache, die „Walzsprache“, die Elemente der verschiedenen Dialekte der deutschen Sprache aufnahm. Diese besondere Gruppensprache erlaubte ihnen die Verständigung untereinander, bot ihnen aber auch Schutz nach außen und die Möglichkeit der Abgrenzung.

Viele umgangssprachliche Ausdrücke unserer Zeit stammen aus der Walzsprache wie z. B. Barras = Brot, Buxe = Hose, Kaff = Dorf oder Polyp = Polizei.

 

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